oder: Das geheime Leben des Perserteppichs.
Ich muss sagen, die Stichworte haben mir ordentlich zu knacken gegeben, aber ich hoffe es ist etwas halbwegs ordenliches zustande gekommen
Unsere Geschichte findet im Unsichtbaren statt. Doch weder Geister noch Übernatürliches kommen hier vor,
Vampire, Zombies, das alles sollte der Leser nun geschwind aus seiner Vorstellung verbannen. Nein. Diese Reise führt uns das geheime Leben innerhalb eines Teppichs. Dessen Besitzer übrigens ein äußerst grumpiger Mann ist, das aber nur als Randnotiz. Rüsten wir uns also für das Kommende, indem Staubmaske und Lupe schnell vor unsere Münder bzw. in unsere Hände wandern.
Nichts war gefürchteter als der Staubsauger. Erscholl das Geräusch, das von kommenden Toten und gnadenlos stampfenden Füßen kündete, klammerte sich eine jede Staubmilbe des Teppichknotens 115 in Todesangst noch fester an die Fasern.(Es ist anzunehmen, dass auch die Milben der restlichen Knoten dies taten, aber das wussten unsere kleinen Helden nicht, Kontakt mit der Außenwelt war aufgrund geringer Bewegungsfähigkeit eher selten.)
,,Er kommt! Er kommt wieder!", piespte Milbrecht gefasst, der Anführer der Kolonie und befahl seinen Untergebenen mit eben jenem eiskaltem Kalkül, wegen dem er Anführer geworden war, die Ärmchen für die nächsten Minuten fest um die Fasern und auch umeinander zu schlingen.
,,Ja, Herr und Meister", schall es im Chor zurück, diese Antwort war eine der Schrullen Milbrechts, er hatte gerade auf diesen Satz bestanden und ihn den Milben gründlich eingeprägt. Schnell entstand ein schier endlose Kette von Milben, sie alle waren nicht nur doch Hände, sondern auch durch handfeste Todesangst zusammengeschweißt. Sollte sich eine Milbe lösen, bedeutete das den Tod von Tausenden. Der Schlund des Stabes war der
Weg zum Abgrund der Hölle, sozusagen der Pfad ohne Umwege, die kürzeste Route zum Teufel, dessen Anblick keiner so recht mit Vorfreude entgegenblickte.
Angst erfüllte die Gemüter, während das Donnern immer stärker anschwoll. In der Ferne ließen sich auch schwach Schreie anderer, dem Staubsauger zum Opfer gefallenen, Milben vernehmen, und sie trugen keineswegs zur Beruhigung der Milben von Faser 115 bei. Sogar einige Fasern hielten dem unglaublich starken Sog nicht stand, samt Anwohner wurden sie vom Monster verschluckt.
Die ganze Tragödie dauerte nur etwa drei Minuten, hatte aber erneut eine hohe Zahl an Todesopfern gefordert und viele traurige Angehörige hinterlassen. Trotz der Regelmäßigkeit dieser Katastrophe schien die Schrecklichkeit nie abnehmen zu wollen, keine Gleichgültigkeit legte sich wie ein gnädiger Schleier auf die Seele unserer kleinen Wesen.
Schockiert und traumatisiert ließen die meisten sich einfach fallen, von oben wirkte die Faser wie eine
riesige, ins Nichts führende Leiter, was die Milben jedoch in ihrer Trauer nicht kümmerte. Kraftlos lagen sie verstreut auf dem Boden um ihre Faser herum und starrten ins Leere.
Milbrecht machte sich als Einziger die Mühe, sorgsam hinunter zu klettern, er wollte keine Verletzung und damit ein Einbüßen seiner Führerschaft riskieren. Ernst blickte er in die kummervollen Gesichter und sein Hirn begann bereits an einer Gegenstrategie zu arbeiten. Milben konnten, nein, durften!, nicht lange untätig herumsitzen. Das effektive und zügige Zusammenarbeiten war schon seit Ewigkeiten essentiell, ein wichtiger Grund, warum Milben überhaupt zusammenlebten.
,,Lasst uns die
Schleimbeutelteetassen des Untergangs holen!", rief er laut genug, dass alle es hören konnten. Schwache Reaktionen innerhalb der Reihen, langsam regte sich die zuvor bewegungslose Masse, und schon bald erschollen begeisterte Rufe. (Man sollte erwähnen, dass Milben - mit wenigen rühmlichen Ausnahmen - kein gutes Gedächtnis haben.)
Diese Teetassen waren ein Erbstück aus fast zweitausend Generationen, kostbare, mysteriöse Artefakte, die geradewegs von außen kamen. Sie wurden jedes Mal sorgsam wieder mit viel Liebe in der Faser veflochten, damit auch der heftigste Sog sie nicht fortreißen konnte.
Es gab zwei von ihnen. Sie waren gebogen und durchsichtig, mit einem merkwürdigen glitschigen Film auf der Innenseite, deshalb der "Schleimbeutel". Was Teetassen genau waren, wusste niemand, aber der Name war durch mündliche Überlieferung immer weitergereicht worden, und sollte auch so bald nicht geändert werden.
Die Milben liebten es, darin herumzurutschen wie in einem kleinen Swimmingpool, und schon bald vibrierte die Luft vor Gelächter. Milbrecht lächelte zufrieden und strich sich über seine Härchen.
Die Milben waren glücklich. Bis zur nächsten Woche.