|
Dies ist ein Abschiedsbrief, geschrieben für all jene, die ihn lesen werden. Ich möchte darin mein Leben erläutern, doch bevor ich das kann, muss ich viel weiter zurückgehen. Ich lebe in einem Zeitalter in dem niemand Hunger leidet oder arbeitet, wo das, was man genießt, das einzige ist was man tut. Klingt das nicht wunderbar?
Doch dies alles ist unverständlich ohne der Vergangenheit, die uns zu dem machte, was wir sind. Wer hätte ahnen können, wie sehr das einundzwanzigste Jahrhundert die Welt verändern würde? Ich glaube, niemand hätte es ahnen können. Damals, vor vielen Jahrhunderten geschah der Umbruch, er war gewaltsam und grausam. Die damalige Wirtschaftsform, der Kapitalismus, wucherte und nahm ungeheure Ausmaße an! Die Gesellschaft formte sich langsam, aber spürbar um, und zwar dem Willen der Reichen nach. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde größer, so groß, dass die Armen gefangen wurden, ohne einer einzigen Aussicht auf Flucht. Man arbeitete um Schulden zurückzuzahlen, die durch Zinsen nur größer wurden. Es wurde einem eingeredet, es sei die eigene Schuld, man lebe nur durch die wohlwollende Gunst der Reichen! Der Lohn war eine reine Formsache, man bekam ihn, um ihn wieder zurückzugeben! Es war eine Zeit des Leides und der Armut für die einen, und eine Zeit des Dekadenz für die wenigen anderen, ich glaube, dass man dies nicht vollständig begreifen kann, wenn man damals nicht gelebt hat. Bald waren die Arbeiter wie Tiere, wie Wilde. Krankheiten nahmen zu, nur der Stärkere überlebte, das Problem der Überbevölkerung nahm bald rapide ab, auf die natürlichste aller Arten. Doch Manche, Wenige, erkannten die Fehler der Gesellschaft, die meisten aus Geschichten, welche ihnen erzählt worden waren, und wussten, dass es auch anders aussehen könnte. Es geschah unabhängig auf der ganzen Welt, an verschiedensten Orten, als wäre ein Punkt erreicht worden, der unweigerlich dazu führen müsste. Es entstand ein Widerstand, eine Revolution der Armen, und obwohl sich die Reichen in Selbstsicherheit wiegten, hatten sie einen Faktor übersehen: Diese Menschen hatten nichts zu verlieren und waren in der Überzahl. Es war ein Massaker, hauptsächlich auf der Seite der Armen, doch trotz fehlender Organisation siegten sie. Es war ein Pyrrhussieg, doch gleichzeitig auch der einzige, der möglich gewesen war. Jene der Wohlhabenden, welche noch am Leben waren, stellten sich auf die Seite der wenigen, lebensfähigen Armen und bauten langsam eine neue Gesellschaft auf. Errungenschaften der Wissenschaft wurden allen zur Verfügung gestellt, und bald wurden die Menschen mehr, dieses Mal vollkommen gleich untereinander. Langsam entwickelte sich daraus die Welt, in der ich aufgewachsen war.
Es gibt mehrere wissenschaftliche Entdeckungen, die diese Entwicklung erst möglich machten. Schon zu kapitalistischen Zeiten hatte man das Problem der Energieversorgung gelöst, neue Kraftwerke und Energieübertragung fast ohne Verluste waren möglich geworden, doch erst als die Wissenschaftler die künstliche Intelligenz so weit voranbrachten, dass die menschliche Arbeitskraft überflüssig wurde, wirkte sich dies auf die gesamte Gesellschaft aus. Bald gab es von allem reichlich, und so kennt niemand aus der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, das Gefühl des Hungers, Langeweile ist für die meisten Menschen das Schlimmste, was ihnen passieren kann, so dröhnen sie sich zu mit Unterhaltung, bloß um ihr zu entgehen. Ich wuchs auf wie alle anderen Kindern, zwar mit Eltern, aber nicht übermäßig beachtet, denn für die Sicherheit und das Wohlergehen eines jeden Einzelnen sorgen die Maschinen, welche die ganze Zeit lang, im Hintergrund uns versorgen und überwachen, von den meisten unerkannt und versteckt. Sie reparieren sich auch gegenseitig und sind damit vollkommen unabhängig von den Menschen geworden, was aber eine gute Sache ist, denn sonst wären sie bald nicht mehr funktionsfähig. Doch darauf werde ich noch zurückkommen.
Als ich aufwuchs gab es zwei Gruppen, ich gehörte der kleineren von beiden an, denen Bewegung und Sport Spaß machten, die mehr Zeit draußen als innen vor den Bildschirmen verbrachten. Ich bemerkte schnell, dass die Anderen stumpfer waren, sie verstanden langsamer als wir, sie machten sich auch weniger Gedanken über die uns umgebende Welt- wenn wir uns auch nicht viele Gedanken mehr machten. Es war ein minimaler, aber spürbarer Unterschied. Doch bevor ich mir mehr Gedanken darüber machen konnte, geschah etwas anderes, der Grund für diesen Brief, der Grund wieso ich all dies überhaupt erfuhr: Ich verliebte mich.
Ihren Namen will und werde ich nicht niederschreiben, der Gedanke an sie schmerzt immer noch. Sie war von bemerkenswerter Anmut, ihre Gesichtszüge waren weich und ihre Augen tiefbraun wie ihre leicht gelockten Haare. Sie hatte die gleichen Interessen wie ich, und so versuchte ich alle meine Zeit mit ihr zu verbringen. Ich erkannte dabei nicht, dass ich sie nur amüsierte, sie empfand sonst nichts für mich, doch ich war geblendet. Langsam fing sie an mir auszuweichen, anfangs merkte ich auch das nicht, doch bald erkannte ich, dass sie jemand anderen traf, in der Zeit die sonst wir gemeinsam verbracht hatten. Das alleine tat mir schon weh, doch es kam noch schlimmer. Ich entschied mich, mit ihr zu reden. Schon da machte sie einen gelangweilten Gesichtsausdruck und als ich ihr offenbarte, dass ich sie sehr mochte und meine Zeit nur mit ihr verbringen wollte lachte sie laut los. Sie lachte auf eine offene und schöne Art und Weise, da tat es nur um so mehr weh. Dann sprach sie die Worte, welche mich erst zur Besinnung brachten: „Wieso sollte ich das? Wieso sollte ich Zeit mit nur einer Person verbringen, wo es doch so viele Menschen gibt, mit denen ich Spaß haben kann?“
Spaß! Das war das einzig wichtige für sie und jede andere Person, ich glaube, kaum jemand von meinen Mitmenschen würde meine Situation verstehe, immerhin ging es bei uns immer nur um Spaß. Also wieso sollte sie? Deswegen schüttete ich mein Herz bei niemandem aus, sie hätten nicht verstanden. Ich fing an mich zurückzuziehen, suchte einsame Orte um dieser hedonistischen Gesellschaft zu entfliehen und entdeckte, damals erschien mir dieser Ort so weit entfernt, da er menschenleer war und ist, und ich mehrere Tage brauchte um ihn zu erreichen, einen merkwürdigen Ort. Es war ein riesiges, aber leeres Gebäude, als ich es betrat gingen die Lichter wie immer von selbst an, doch mühselig, als hätten sie es schon länger nicht tun müssen. Die Luft war merkwürdig trocken und überall standen nur Regale voller Gegenstände, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich nahm einen kleinen, bunten Gegenstände aus dem Regal und bemerkte erst da, dass sie seitlich alle mit Buchstaben bedruckt waren. So etwas kannte ich nicht, Buchstaben waren mir nur von Bildschirmen bekannt, und auch da wurden sie nur spärlich verwendet, wenn Bilder etwas nicht ausdrücken konnten und nicht gesprochen wurde. Es war ein Buch.
Wie der Zufall es wollte, hatte ich ein Kinderbuch zur Hand genommen, mit vielen Bildern und wenig Text, sodass meine beschränkten Kenntnisse des Lesens und Schreibens, oder eher Tippens, reichten um es zu verstehen. Jedes andere Buch wäre zu schwer gewesen, ich hätte sicherlich bald das Interesse verloren und hätte die Bibliothek wieder verlassen, doch so las ich es mühsam und wurde gefesselt. Ich nahm das nächste Buch, das nächste und immer mehr, ehe ich es merkte, las ich schon viel dickere und sprachlich schwerer Bücher, solche ohne Bilder. Es faszinierte mich, dass sie von mir vollkommen unbekannten Dingen und Menschen erzählten, und sobald ich ein Lexikon entdeckt hatte, wurde es zu meinem treuen Begleiter auf meiner Reise durch die Welt der Bücher. Ich schlief in der Bibliothek, aß dort, denn Roboter brachten mir Essen, und nahm zu, da ich mich nur bewegte, wenn ich Sanitäranlagen aufsuchte oder ein neues Buch zur Hand nahm. Dass ich zunahm ist fast schon ein Euphemismus, ich wurde fett und dick, aufgebläht wie ein Ball, jede Bewegung wurde mühsam, ich wurde wie der Großteil meiner Mitmenschen: Faul und nur auf mein eigenes Vergnügen bedacht, plötzlich ekelte es mir vor mir selbst. Ich begann die Bibliothek öfter zu verlassen, trieb wieder Sport und versuchte mehrere Male auch anhand des entzückenden Kinderbuches welches mir die Welt der Bücher schmackhaft gemacht hatte, andere zum Lesen zu bringen. Ohne Erfolg.
Denn die Anderen spürten, dass ich mittlerweile vollkommen anders war. Ich hatte es nicht gemerkt, doch die neuen Wörter hatten sich auf meine Ausdrucksweise und meine Sprache ausgewirkt, manchmal machten sie angestrengte Gesichter, wenn ich mit ihnen sprach, an dem Buch zeigten sie nur kurzweiliges Interesse, denn eigentlich hat niemand von ihnen das Interesse etwas an ihrem Leben zu ändern, obwohl sie auf der dauernden Suche nach Unterhaltung sind. Keiner von uns muss Arbeiten, hat Verantwortung oder muss Entscheidungen treffen, jeder auf der Welt ist vollkommen unmündig, denn die Maschinen übernehmen alles. Sie richten im Hintergrund alles perfekt ein, man möchte keine Kinder, dann sind im Essen entsprechende Hormone, man wird krank, schon bekommt man Medikamente, sie erfinden immer neue Unterhaltung und langsam bezweifle ich, dass dort überhaupt Menschen mitspielen. Vielleicht sind es nur Roboter oder sogar bloß Animation. Niemand muss Denken, und das macht sie glücklich. Doch mich macht es unglücklich, denn ich kann meine Gedanken mit niemandem teilen, ich fühle mich einsam bis in die Knochen, denn ich möchte Denken. Ich habe so oft versucht andere zu „bekehren“, doch es bringt nichts. Ich versuchte auch meine Einsamkeit zu ignorieren und versuchen, mich von dem unmündigen Leben loszureißen. Ich versuchte zu Kochen und lernte zu Schreiben, doch eigentlich halfen mir trotzdem immer nur die Maschinen. Sie stellten mir alles zur Verfügung, was ich wollte, sobald ich es nur erwähnte, sie nährten mich, wenn meine Versuche fehlschlugen, sie gaben mir Papier, Tinte und ich entdeckte auch, dass sie die Bibliothek in dem tadellosen Zustand erhalten, in dem ich sie kenne.
Ich habe auch gehört, dass die Maschinen virtuelle Realitäten entwickelt haben, und dass sie bald jedem zugänglich werden sollen. Mir graut es vor dem Gedanken, was dies für die Menschheit bedeuten kann, dass sie bald in noch größerer Unmündigkeit leben könnte. Deswegen werde ich nun den letzten Weg antreten. Ich verabschiede mich hiermit, und ich hoffe, dass dieser Brief eines Tages wieder gelesen werden kann!
_________________ I came from far Beyond Your reality The ocean of time It's the odysee of mine I am the narrator And now I'll tell You Where I've been And what I saw And how it ends
DDG-Liste: 1. Tods Tagebucheintrag (~In Bearbeitung~)
|